|
Operative Behandlungskonzepte
Akzeptanz operativer Eingriffe
Die Erkrankungen des Bewegungsapparates befallen Gelenke, muskuläre und bindegewebige
Strukturen. Dabei ist die Variationsbreite des Befalls enorm. Die angeborenen
Veränderungen zwingen schon kleine Kinder und auch Säuiglinge zu operativen
Versorgungen.
Der Sportler wird durch seinen Unfall plötzlich aus einer Phase bester
Leistungsfähigkeit gerissen, der Arthrotiker durchleidet langsam zunehmend die Stadien
der schmerzhaften Bewegungseinschränkung.
Bei rheumatischen Erkrankungen wechseln Phasen starker Entzündungsaktivität an einzelnen
Gelenken mit relativer Ruhe an anderen Stellen. So ist es nicht verwunderlich, daß wir
als Operateure uns unterschiedlichen Stadien der Zerstörung, des Fortschreitens der
Erkrankung gegenübersehen. Die rheumatische Erkrankung trifft den Patienten
unvorbereitet, verursacht heftige Schmerzen, die rasch zu Schonhaltung, Kontrakturen und
Zerstörungen und Funktionsein- schränkungen bis zur Funktionslosigkeit führen.
Diese Attacken sind letztlich begleitet von Deformierungen, die den Patienten als
Außenseiter unserer Gesellschaft "brandmarken" können, ihn in seiner
Selbständigkeit begrenzen, ihn letztlich auf fremde Hilfe angewiesen sein lassen müssen.
Deshalb ist gerade beim Operateur nicht nur technisches Geschick gefragt, diese
Patientengruppe verlangt mehr als alle anderen tiefes Einfühlungsvermögen in menschliche
Ängste, Bedürfnisse und Perspektiven für die Bewältigung des Alltags unter den
Aspekten der Behinderung. Gerade das vertrauensvolle Miteinander von Arzt und Patient ist
bei dieser Erkrankung gefordert.
Noch so perfekt ausgeführte operative Eingriffe verlieren ihre Wertigkeit, wenn sie nicht
die funktionelle Verbesserung, die Schmerzerleichterung zum richtigen Zeitpunkt und vor
allen Dingen an der richtigen Stelle erbringen. Deshalb ist eine intensive
Auseinandersetzung mit der Erkrankung Voraussetzung, eine eingehende Kenntnis über die
Abläufe und die Zerstörungsmuster der Erkrankung, den Grad der Zerstörung und das
lokale Fortschreiten. Patientenführung ist gefragt.
Es reicht nicht aus, sich ein momentanes Situationsbild zu schaffen.
Der Verlauf der Erkrankung ist entscheidend für den Entschluß zur Operation und die
Wertigkeit des operativen Eingriffs. Dabei darf nicht an den Bedürfnissen des uns
anvertrauten Patienten vorbei operiert werden. Die Erwartungen der Patienten an einen
vorgeschlagenen Eingriff müssen von uns hinterfragt werden, um den Stellenwert der
operativen Versorgung zu verdeutlichen und die Möglichkeiten durch diesen Eingriff für
unsere Patienten zu relativieren. Nichts ist unserem Tun abträglicher als überzogene
Erwartungen und spätere Enttäuschung. Der Patient ist dankbar für jede
Schmerzerleichterung und Verbesserung seines Schicksals.
Auf der anderen Seite hat ihn seine Erkrankung, die immer wieder neuen Attacken auf seinen
Bewegungsapparat, die ständigen Schmerzen und letztlich das Wissen um eine
fortschreitende Erkrankung, das Miterlebenmüssen der ständigen Verschlechterung des
Zustands oftmals extrem mißtrauisch für alle Maßnahmen gemacht. Operationen am
Bewegungsapparat sollten Winner-Operationen sein. Der Einstieg in die operative Versorgung
des Patienten ist für sein späteres Schicksal von entscheidender Bedeutung.
Die moderne Orthopädie hat gerade durch die Vielseitigkeit operativer Möglichkeiten bis
hin zur endoprothetischen Versorgung fast aller Gelenke, durch die Fortschritte in der
anästhesiologischen Technik und letztlich auch über sich ständig verbessernde
Retransfusionssysteme weite Möglichkeiten der Rekonstruktion von Deformierungen und
Funktionsverlusten erhalten.
Unsere Patienten erhalten dadurch ein großes Stück Unabhängigkeit und Selbständigkeit,
was sich letztlich dann auch in gesteigertem Selbstwertgefühl ausdrückt. Oft werden
gerade wegen der Schwere eines Krankheitsbildes aber auch unsere Möglichkeiten begrenzt
bleiben, eine volle Wiederherstellung der Arbeitsfähigkeit zu erreichen.
Schon die Eigenständigkeit macht Leben lebenswert und verhindert oftmals ein Leben in
Alten- und Behindertenwohnheimen. Schwere zerstörerische Verläufe, wie beim
entzündlichen Rheumatismus, werden trotz unserer Hilfe Patienten in solch ein Schicksal
zwingen können. So darf unser Tun und Trachten nicht nur auf die operative Versorgung
beschränkt sein, sondern muß stets die Rehabilitation einschließen bis hin zur
Langzeitrehabilitation. |